Take № 001Chefsache·12. August 2026

Ich starte einen Blog. Jetzt bauen, auf mich selbst angewandt.

Nach zwanzig Jahren IT ist KI das Erste, das sich wieder anfühlt wie Science-Fiction.

Lesezeit 6 Min. Wörter 1 087 Urteil · Jetzt bauen
Executive SummaryNach zwanzig Jahren IT ist KI das Erste, das sich wieder anfühlt wie Science-Fiction. Den Moment, in dem das für mich kippte, kann ich benennen: die erste komplette App, die ich bauen liess, ohne selbst eine Zeile Code zu schreiben. Seither sprudeln die Ideen, und ich schreibe sie hier auf. Pro Take ein Thema, ein Urteil, keine Folien. Der erste Take ist das Urteil über mich selbst.

Der Moment, in dem es kippte

Skripte hatte ich mir schon generieren lassen. Recherchen, Auswertungen, Zusammenfassungen, alles nützlich, alles noch Werkzeug. Der Moment kam mit etwas anderem: der ersten vollständigen App. Ein Backup-Viewer für unsere Bexio-Daten, als Testversuch angesetzt, mit einer klaren Regel für mich selbst: keine einzige Zeile Code von Hand.

Screenshot Bexio Backup App
Screenshot Bexio Backup App

Die Regel hat gehalten. Die App lief. Und ich sass davor und habe zum ersten Mal nicht mehr über das theoretische Können der KI gelesen, sondern es in Aktion gesehen. Seither sprudelt es. Ideen, Möglichkeiten, Optionen, jeden Tag ein paar neue, und der Drang, sofort loszulegen. Endlich kommen echte Möglichkeiten, nicht nur ein etwas klügerer Chatbot mit Internetzugriff. Keine Angst, bei SILEO wird nach wie vor seriös und von Menschenhand entwickelt. Unser Team wurde nicht auf die Strasse gestellt ;)

Warum mich das so trifft, hat mit den Jahren davor zu tun. Wir haben mit unserem Team über lange Zeit Softwarelösungen gebaut, eng mit unseren Kunden, oft direkt an ihrem Alltag entlang. Wir waren bekannt dafür, hochkomplexe Business-Anforderungen in hohem Tempo umzusetzen. Vom ersten Meeting bis zum Release dauerte es bei uns jeweils wenige Monate. Möglich war das mit Crunch Time, guten Ideen und einem iterativen Entwicklungsansatz. Manchmal brauchte es einen halben Prototypen, nur damit ein Kunde sehen konnte, was er eigentlich braucht. Unser erstes Octagon-Modul haben wir fast zweimal komplett entwickelt, weil die Lösungsfindung so anspruchsvoll war. Unsere Prozesse haben sich über die Jahre verbessert, und wir sprechen die gleiche Sprache wie unsere Kunden. Darum sind wir effizient und schnell.

Und jetzt kommt KI. Heute könnten wir denselben Weg über schnelle Prototypen gehen: ausprobieren, zeigen, verwerfen, nochmals. Ein komplexer Business Case wird so nicht einfacher, aber er wird schneller klar und greifbar.

Zwanzig Jahre Fundament

Bevor jemand denkt, hier schreibt ein Frischbekehrter: Was mich vorher fasziniert hat, war das Betreiben von Systemen. Verfügbar, skalierbar, im Cluster, so gebaut, dass hunderte Leute darauf arbeiten können und nichts davon merken, wenn hinten etwas ausfällt. Das war komplex, das hat Spass gemacht, und das System liess sich immer weiter ausbauen, ein Business Case nach dem anderen.

Mittlerweile ist das Alltag. Kein Nachlassen der Ansprüche, aber die Überraschungen sind seltener geworden. Und genau dieser Alltag ist jetzt das Fundament, auf dem KI überhaupt erst betreibbar wird: Modelle, Softwarelösungen, Daten, alles will laufen, wenn niemand hinschaut.

Was aus diesen Jahren bleibt, ist eine einfache Lektion. Zuerst den Alltag des Kunden wirklich verstehen, dann die passende Lösung bauen. Daran ändert KI nichts. Sie erlaubt uns nur, es effizienter, intelligenter und individueller zu tun.

Die Folien, die mich nerven

Was mich an der aktuellen Diskussion stört, sind die Effizienzversprechen. Ein Chatbot wird auch in fünf Jahren nicht die Unternehmung führen und die Belegschaft ersetzen. Gute KI-Werkzeuge und eine brauchbare Strategie brauchen Zeit, echtes Fachwissen und Menschen, die die Werkzeuge richtig einsetzen, ihre Ergebnisse verstehen und überwachen. Ja, es wird Aufgaben geben, die kein Mensch mehr von A bis Z erledigen muss. Das ist auch gut so. Unsere Lebenszeit ist zu schade, um dieselben Daten in zwanzig Excel-Tabellen zu kopieren und am Schluss falsch zusammenzurechnen.

Flächendeckend ein ChatGPT-Abo ausrollen bringt aus meiner Sicht aber gar nichts. Das ist keine Strategie, das ist eine Rechnung. Dazu kommt bald ein eigener Take, weil ich diese Diskussion öfter führe, als mir lieb ist.

Warum öffentlich

Zwei Gründe. Der erste: Viele wursteln im stillen Kämmerlein vor sich hin und machen dieselben Fehler, die andere längst gemacht haben. (Ich zeige mit allen Fingern und Zehen auf mich.) Öffentlicher Austausch beschleunigt das. Man bekommt Widerspruch, Erfahrungen, den einen Hinweis, der einem drei Wochen spart.

Der zweite ist persönlicher. In einer Phase, in der alle experimentieren und sich alles schnell bewegt, fühlt man sich zwischendurch abgehängt. (Während ich diese Zeilen schreibe, sind zwanzig neue Modelle, zwei neue KI-Harness-Lösungen und ein neuer kritischer Blogpost eines KI-Konzern-CEOs erschienen. Ja, dort wird erneut erklärt, warum das neuste Modell des eigenen Konzerns zu gefährlich für die Welt sei.) So geht es vielen meiner Kunden und Partner, und mir auch. Wenn man sieht, wo das Umfeld steht und welche Gedanken dort gerade gedacht werden, findet man den Anschluss wieder. Manchmal ist es genau der eine Impuls von aussen, der zündet.

Was hier kommt

Die ersten drei Themen stehen fest. Erstens: Warum ein flächendeckendes ChatGPT-, Copilot-, Codex- oder Claude-Abo allein keine gute Investition ist, und wie man es richtig angeht. Zweitens: Wem gehört generierter Code und generierter Inhalt, und warum mich das interessieren muss. Drittens: Warum die Ankündigung von Qwen 3.8 27B gerade so gehyped wird, und warum das ein gutes Zeichen für Data Governance, Datenschutz und KI-Autonomie ist. Und danach viele weitere Themen, die mich beschäftigen.

Jeder Take beginnt mit einer Executive Summary. Wer nur drei Sätze Zeit hat, liest die und weiss, woran er ist. Danach kommt der lange Teil für alle, die es genau wissen wollen. Und am Schluss steht ein Urteil, eines von dreien: Jetzt bauen, Abwarten oder Finger weg. Ein Text ohne Urteil ist eine Zusammenfassung, und davon gibt es genug.

Was hier nicht kommt

Keine Masterclass, keine Anleitung, kein journalistisches Meisterwerk. Das hier sind Brainfarts, freundlich formuliert: Dinge, die mich gerade beschäftigen, festgehalten als Momentaufnahme. Ich habe keinen Anspruch auf Richtigkeit, Vollständigkeit oder journalistische Tiefe. Wer das sucht, ist bei anderen besser aufgehoben.

Übrigens, ja: Ich nutze KI-Werkzeuge beim Formulieren der Texte, für Faktenchecks meiner Behauptungen, für die Grammatik (um euch mein Deutsch zu ersparen) und für die Entwicklung dieses Blogs. Ich bin schliesslich kein Höhlenmensch.

Das Urteil auf mich selbst angewandt

Jeder Take ist unfertig, und zwar absichtlich. Es kann sein, dass ich in derselben Woche eine Fortsetzung schreibe, weil ich etwas Neues gelernt habe. Es kann auch sein, dass ein Thema in seiner unfertigen Fassung stehen bleibt, weil das Leben weitergeht. Beides ist in Ordnung. Dieser Blog soll inspirieren, den Austausch fördern und für mich selbst ein Tagebuch meiner Reise mit KI sein.

Das Urteil «Jetzt bauen» spreche ich sonst über Technik. Heute gilt es für den Blog selbst: anfangen, bevor alles perfekt ist, öffentlich denken, korrigieren, wenn ich falsch lag. Der Text, den du gerade liest, ist der Beweis, dass es geht. Er ist erschienen.

Urteil · Jetzt bauen

Anfangen, öffentlich denken, korrigieren. Ein Blog, der auf den perfekten ersten Text wartet, erscheint nie.

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